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Sommerlicht

Roman

Theda Krohm-Linke, Adèle Geras

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Artikel-Nr.:11233772

ISBN:978-344236162-5

Erschienen:2004

Aus der ReiheBlanvalet Taschenbuch

Band:Nr.36162

Erschienen beiBlanvalet

Gewicht:335g

Seitenanzahl:447

Annotation

Willow Court schmückt sich zum Fest. Leonora Walsh, Tochter eines berühmten Malers, feiert ihren 75. Geburtstag. Und alle kommen ins herrschaftliche Haus am See. Doch jeder Gast - Töchter, Enkel, Freunde - bringt mehr als nur Geschenke. Wie ein schmerzhafter Splitter liegt bei drei Generationen der Familie die Vergangenheit unter der Haut und will endlich ans Licht. Das größte Geheimnis jedoch birgt das alte Kinderzimmer: ein Puppenhaus, gebaut von Leonoras früh verstorbener Mutter...

Exzerpt

Was du nicht weißt, das kann dir nichts anhaben. Aber sie weiß es doch, und sie muss vergessen, was sie weiß. Sie muss so tun, als wisse sie nichts, als hätte sie nie etwas gewusst, sonst wird es kommen und sie verletzen. Das Haus dort wohnt das Geheimnis, und sie will am liebsten gar nichts wissen und ganz weit weg sein.
Sie steht am Fenster. Kein Windhauch bewegt die weißen Vorhänge, und das Gras liegt trocken und braun unter den letzten Sonnenstrahlen. Es ist Sommer, früher Abend, und sie ist noch nicht im Bett. Sie ist schon fast acht Jahre alt, und es ist noch viel zu früh zum Schlafen. Alle machen irgendetwas, und niemand achtet auf sie. Die Bäume werfen schwarze Schatten auf den Rasen, und die späten Rosen sind von einem Goldschimmer überzogen. Durch das Laub der Trauerweide glitzert silbrig das Wasser; das ist der See. Schwäne schwimmen dort, und sie könnte ans Ufer gehen, um den weißen Vögeln zuzuschauen. Niemand würde es wissen, und was du nicht weißt, das kann dir nichts anhaben.
Sie muss über den Teppich mit dem Muster aus Blumen und verschlungenen Bäumen laufen, und dann geht die Tür auf, und sie ist im Flur, und dort ist es immer dunkel, selbst wenn draußen die Sonne scheint, und alles ist in dichtes Schweigen gehüllt, das sich bis zur Treppe ausbreitet, und sie muss auf Zehenspitzen hinuntergehen, um die Ruhe nicht zu stören. Die Gemälde an den Wänden starren sie an. Stilleben und Landschaften ergießen seltsame Farben und ihr eigenes Licht in die Stille, und die Porträts rufen hinter ihr her, aber sie kann sie nicht hören. Der Marmorboden in der Halle ist wie ein schwarzweißes Schachbrettmuster, und sie hüpft über die schwarzen Quadrate hinweg, weil sonst bestimmt etwas Schlimmes passiert. Vielleicht hat sie ja auch auf dem Weg in den Garten ein schwarzes Quadrat berührt, aber das zählt doch nicht, oder?
Dann ist sie auf dem Rasen, und die Luft ist weich, und sie läuft, so schnell sie kann, die Terrassenstufen hinunter, vorbei an all den Blumen und an den zu Kegeln, Bällen und Spiralen gestutzten hohen Hecken vorbei, bis sie den Wilden Garten erreicht, wo die Pflanzen ihren Rock streifen, und sie läuft und läuft bis zu der Stelle, wo immer die Schwäne waren, aber jetzt sind sie fort. Sie sind zum anderen Ufer geschwommen. Sie kann sie sehen. Es ist nicht so weit, also läuft sie dorthin.
Etwas erregt ihre Aufmerksamkeit. Im Schilf ist ein dunkler Fleck im Wasser, und als sie genauer hinschaut, sieht es aus wie ein Laken oder ein Tuch, unter Wasserpflanzen und graugrünen Weidenästen mit ihren fingerdünnen Blättern halb verborgen. Wenn sie näher heran könnte, dorthin, wo das Wasser ans Ufer schlägt, könnte sie danach greifen, es zu sich heranziehen und nachsehen, was es ist. Das Wasser ist kühl auf ihrer Hand, und aus dem Stoff ragt etwas hervor, das aussieht wie ein Fuß. Ob da jemand schwimmt? Niemand schwimmt, ohne sich zu bewegen.
Plötzlich ist ihr ganz kalt, und was sie nicht weiß, das kann ihr nichts anhaben, aber sie weiß, dass hier etwas nicht stimmt. Das hier ist schlimm. Sie sollte besser weglaufen und jemanden holen, aber sie muss doch die Hand nach dem dunklen Tuch ausstrecken, das auf der Oberfläche des Sees liegt. Sie zieht daran, und etwas Schweres gleitet auf sie zu, und die Zeit wird zu einer Ewigkeit, und da ist ein Gesicht mit glasigen, offenen Augen und blasser, grünlicher Haut, und die Haare ganz lose, wie Tang schweben sie um den offenen Mund, und sie spürt, dass sie anfängt zu schreien, aber es ist kein Laut zu hören, und sie dreht sich um und rennt zurück zum Haus. Jemand muss kommen. Jemand muss ihr helfen, und sie rennt, um sie zu rufen, und sie schreit, aber niemand kann sie hören. Nasse Finger steigen aus dem See auf und strecken sich über das Gras bis zum Haus, um sie zu berühren. Sie kann sie spüren, auch dann noch, als sie schon ganz alt ist; sie kennt diese Finger, und sie kennt jede Falte des nassen Kleides und d

Autoren-Info:

Adèle Geras

Adèle Geras, geboren 1944 in Jerusalem, aufgewachsen in Nigeria, Borneo und Gambia. Später Studium des Französischen und Spanischen in Brighton und Oxford. Tätig als Schauspielerin und Sängerin, ehe sie Französischlehrerin wurde. Seit 1976 freiberufliche Schriftstellerin mit zahlreichen Auszeichnungen und einer Nominierung für den Whitbread Children's Book Award 2000. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Manchester.

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